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Evangelische Kirchengemeinde Lüdinghausen

Angst vor der Angst, Gedanken von Pfarrerin Silke Niemeyer

Es gibt keine Nudeln mehr zu kaufen im Edeka nebenan. Klopapier auch nicht. Macht nichts. Mein Opa soll in Kriegszeiten die Tageszeitung zerschnitten haben für diesen speziellen Zweck, und da bin ich klar im Vorteil: ich habe eine abonniert und zum Glück noch nicht auf digital umgestellt. Außerdem habe ich noch einen großen Vorrat Reis in der Kammer.

Hey, Leute, hört auf mit dem Unsinn! Wir stehen doch nicht vor einem Krieg!

Ja, ich habe auch Angst. Ich habe Angst davor krank zu werden. Vor allem seit ich mal schwerer krank war, weiß ich, dass es nicht nur andere trifft. Da soll bitte keiner drüber lachen und so tun, als würde ihn das nicht anpacken. Man hat ja nur sein kleines einziges Leben, und ich hänge gewaltig an meinem. Ich wette sowieso, auch die Obercoolen schauen verstohlen nach, wie hoch die Letalitätsrate ist und waschen sich ein paar Mal öfter die Hände als sonst. Ja, ich sorge mich auch, was aus allem werden soll, Coronavirus, Terror, Börsencrash, Aufbruch von Geflüchteten, Führungsfiasko in Parteien und Politik. Über all das hat man beinahe das Klima vergessen.

Man kann sich den beängstigenden Bildern von Mundschutzträgern nicht entziehen, nicht den Zahlenspielen, nicht den beunruhigenden Beruhigungsfloskeln. Und bei den Bildern aus Hanau wäre Beruhigung anders als beim Virus das Allerletzte. Da hat sich zum Glück keiner getraut, auch nur daran zu denken, die große Trauerfeier in Frage zu stellen.

Und dann auch noch die brutalen Bilder von der türkisch-griechischen Grenze. Da wird jetzt auch gezählt. Da ist wahlweise von Zehntausenden oder Hunderttausenden oder von Millionen die Rede, die sich aufmachen. Und das erste Kind ist tot.

Du wirst hineingezogen, ob du willst oder nicht.

Und das ist es, was mir wirklich Angst macht – dieser Sog. Ich habe Angst vor der Angst. Das Virus Angst grassiert, das alle ansteckt und alles infiziert. Doch gegen das Virus Angst hilft eben keine Isolation, im Gegenteil. Man kann sich nicht einbunkern mit seinen Klopapier- und Nudelvorräten nach dem Motto „Rette sich, wer kann“ und womöglich dabei noch die verachten, die sich vor Krieg und Chaos retten wollen. Das ist eine Illusion, eine Idiotie.

Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben. Das ist jetzt mein biblischer Lieblingssatz. Furcht ist nicht gottgeben. Man hat einen Entscheidungsspielraum. Man kann sich ihr hingeben, oder man kann ihr etwas entgegensetzen, jeder persönlich. Ich will mich von einem anderen Geist lenken lassen. Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit (1).

Ich will mich vom Geist der Kraft leiten lassen. Damit meine ich nicht die kraftmeierische Kraft, die so tut, als hätte sie alles im Griff. Aber ich weiß, dass ich schon oft gemeint habe, ich schaffe es nicht, und dann doch viel mehr gekonnt habe als ich dachte, vor allem weil da andere waren, die unverhofft mitgemacht und angepackt haben. Mit der Kraft ist es wie mit der Angst, sie ist ansteckend.

Ich will mich vom Geist der Liebe leiten lassen. Ich will mich nicht verführen lassen zu der Illusion, man könnte sich allein irgendwie schadlos vor den Problemen halten und auf einsamen Egotrip gehen. Menschen, denen es schlecht geht, die krank werden, trauern, fliehen, sind nicht meine Gegner. Sie sind meine Mitmenschen und haben mein Mitleid und meine Zuwendung. Ich brauche das von ihnen irgendwann auch. Mit der Liebe ist es wie mit der Angst, sie ist ansteckend.

Ich will mich vom Geist der Besonnenheit leiten lassen. Ich weiß beileibe nicht genau, was richtig ist und was falsch. Ich kann die Geister aber sehr wohl unterscheiden. Ich merke, wenn da jemand das Virus oder das Leid von Menschen benutzt, um Aufregung oder Ausgrenzung oder Auflage zu steigern. Ich merke, wenn jemand ein Problem vor seinen Karren spannen will, statt es lösen. Ich vertraue darauf, dass Gott uns mit so viel Vernunft, Phantasie und Klugheit gesegnet hat, dass wir Lösungen finden können. Gemeinsam. Denn auch mit der Besonnenheit ist es wie mit der Angst, sie ist ansteckend.

Gottgegeben ist nicht die Angst. Gottgegeben sind Kraft, Liebe und Besonnenheit. Ich möchte sie ergreifen und wünsche mir, dass Sie mitmachen und dass wir einander damit infizieren – als ansteckende Gesundung.

 

 

Eintrag vom: 24.03.2020